Ein Mann, zwei GesichterDer Kabarettist und Komiker Uwe Lyko aus Essen begeistert sein Publikum bereits seit Jahrzehnten als Entertainer. Sein Alter Ego ist die Figur Herbert Knebel, der ewig auf Ruhrdeutsch nörgelnde Rentner aus Essen-Altenessen mit dicker Hornbrille, dunkelblauer Mütze und trockenem Humor.

Die RUHRZEIT sprach mit Lyko über Knebel, das Ruhrgebiet und den Beruf des Unterhaltungskünstlers.

Herr Lyko, können Sie uns erklären, wie es vor fast 30 Jahren zur Entwicklung der Kunstfigur Herbert Knebel kam und wo ihre Wurzeln liegen?


Herbert Knebel ist ein Sammelsurium aus Kindheitserinnerungen – skurrile Nachbarn und einige Originale meiner großen Familie kommen in der Figur zusammen. Auch meine Beobachtungslust spielt eine große Rolle, ich hatte schon immer eine Neugier auf Leute. Ich erkenne sehr schnell, wenn Personen außergewöhnlich oder komisch sind. Dieses Skurrile habe ich in Knebel einfließen lassen.

Von den Kindheitserinnerungen habe ich bei den Knebel-Geschichten insbesondere am Anfang sehr gezehrt. Im Laufe der Jahre wurden diese dann – im dreiköpfigen Autorenteam – weitergesponnen. Herbert Knebel hat das Ohr am Puls der Zeit. So gibt es heute Geschichten, in denen es um das Internet, WhatsApp oder Tattoos geht. Das wäre vor 30 Jahren nicht möglich gewesen. So kamen im Laufe der Zeit immer mehr Themen hinzu. Auch viele Geschichten aus meinem privaten Alltag fließen mit ein, beispielsweise haben wir meinen vor einiger Zeit diagnostizierten Bluthochdruck in drei Knebel-Nummern auf sehr lustige Art und Weise verarbeitet.

Warum haben Sie eine Figur entwickelt, die den Ruhrpott, seine Bewohner und den Dialekt „auf die Schüppe“ nimmt?



Das war Zufall. Bei der Gründung unserer Kabarett-Gruppe „Herbert Knebels Affentheater“ hatten wir zunächst ein anderes Konzept mit einer Mischung aus verschiedenen Typen. Nach und nach wurde der Fokus immer mehr auf Knebel gelegt, bis es sich schließlich nur noch um ihn drehte.
Herbert Knebel war eine der Figuren, in die ich mich von Anfang an verliebt habe. Sie passte perfekt zu meiner Komik und mit ihr konnte ich transportieren, was ich im Kopf hatte. Doch nicht nur bei mir, auch beim Publikum kam Knebel am besten an, mit ihm konnten sich die Zuschauer am meisten identifizieren. Ich freue mich immer wieder, dass bis heute nach den Auftritten Zuschauer zu mir kommen und mir von den Ähnlichkeiten zu Personen aus ihrer eigenen Familie erzählen. Dabei sind auch immer wieder junge Leute in unserem Publikum, von denen ich dann höre: „Der Knebel ist genauso wie mein Opa.“ Solche Ruhrpott-Originale gibt es also nach wie vor, daran hat auch der Strukturwandel im Ruhrgebiet nichts geändert. Das Aussehen mag nicht mehr so klischeehaft sein, aber die Art ist die gleiche geblieben. Daher kann wirklich jeder mit der Figur Herbert Knebel etwas anfangen. Auch, weil sie sich durch eine Mentalität und Sprache auszeichnet, die der Revierkultur nach wie vor entspricht. Dabei sind die Themen, die wir behandeln, nicht ausschließlich spezifisch auf das Ruhrgebiet bezogen, sondern global. Auch in Stuttgart, München, Berlin oder Hamburg lachen die Leute über die Knebel-Nummern – und ich bin mir sicher, sie würden es (nach einigen Anpassungen der Figur) auch in London tun.

Aber verstehen die Zuschauer aus anderen Regionen den Ruhrgebietsdialekt?

Ja, das geht problemlos, da er dem Hochdeutschen sehr verwandt ist. Nur die Grammatik ist teilweise etwas verquer und wird spontan so zurechtgebogen, wie es gerade passt. Genau das macht ja gerade den Witz der Sprache aus! Mit der Knebel-Figur bleibe ich aber authentisch und verfalle heute nicht mehr in den Slang der 50er oder 60er Jahre: „Boah glaubse, hömma, da warn wa die Tage... .“ So spricht man heute einfach nicht mehr.

Und was gefällt Ihnen persönlich am Ruhrgebiet?

Ich finde, die Menschen haben nach wie vor eine direkte und schroffe, aber sehr herzliche Art und damit komme ich persönlich sehr gut klar. Ich bin hier groß geworden und mit dem Ruhrgebiet vertraut, ich wohne heute im schönen Essener-Süden und fühle mich hier einfach wohl – auch, weil man hier so vielfältige Möglichkeiten hat, was die Freizeitgestaltung angeht. Aufgrund der Nähe zu vielen anderen Städten, aber auch zum Bergischen Land, kann man Kultur und Natur problemlos miteinander verbinden.

Im März ist Ihr neues Programm „Im Liegen geht’s“ gestartet, was erwartet uns?

Ein Mann, zwei GesichterEin typisches Knebel-Programm. Mein Musikerkollege Ozzy Ostermann ist wieder dabei und spielt Gitarre – teilweise mit mir zusammen. Der Musikanteil ist etwas höher als bei den vorherigen Programmen. Ganz einfach, weil mir persönlich das Singen immer mehr Spaß macht. Aber natürlich gibt es auch viele – sehr witzige – Knebel-Geschichten. Es wird also mit Sicherheit niemand enttäuscht!

Ich kenne mein Publikum zwar mittlerweile recht gut, bin mir bei einigen Sachen bezüglich der Reaktion aber auch etwas unsicher, gerade was Musikgeschichten anbelangt.

Beispielsweise haben wir vor einiger Zeit „Highway to Hell“ von ACDC gecovert, das war für uns eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Doch das Publikum war begeistert, natürlich auch von den steifen Tanzeinlagen.
Insgesamt ist es so, dass wir uns nie von möglichen Bedenken leiten lassen, sondern immer das machen, was wir selbst für richtig und lustig halten und uns Spaß macht. Diese Authentizität bemerkt das Publikum und ich denke, dass darin auch der Schlüssel zu dem anhaltenden Erfolg liegt.

Gab es schon die Situation, dass das Publikum anders als erwartet reagiert hat?

Ja, das ist schon passiert. In meinem letzten Soloprogramm hatte ich eine Nummer drin, die ich selbst sehr witzig fand und die auch in der Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ gut angekommen ist. Doch in dem Soloprogramm hatte sie nicht die erhoffte Wirkung auf das Publikum. Daher habe ich die Nummer nach ein paar Vorstellungen durch eine andere ausgetauscht. So ein Fall kann natürlich immer mal vorkommen, aber es ist doch sehr selten.

Finden Sie die Witze und Stücke auch nach mehrmaligen Proben und Aufführungen noch witzig und haben Sie nach wie vor Spaß auf der Bühne?



Ja, auf jeden Fall! Natürlich gibt es aber auch Abende, da fährt man zum Auftrittsort und hat eigentlich keine Lust. Aber sobald man auf der Bühne steht und das freudige Publikum sieht, hat man wieder Spaß an der Sache. Auch wenn es ein abgedroschenes Klischee ist: Trotz aller Routine ist jeder Abend anders und bringt seine eigene Komik mit sich. 

Ich habe seit Ewigkeiten kein Lampenfieber mehr, im Gegensatz zu den Anfängen. Damals habe ich mich wie ein kleines Kind auf jeden Auftritt gefreut, war schon den ganzen Tag lang aufgeregt und sehr früh am Veranstaltungsort. Das ist heute nicht mehr so, da ist ganz viel Routine aufgekommen. Aber das Spielen selbst macht mir nach wie vor einen Riesenspaß – was niemals inszeniert, sondern immer authentisch und ehrlich ist.
Oft gehen die Blödelei und das Scherzen sogar schon in der Garderobe los. Wenn Ozzy Ostermann dann seine Personality-Show beim Umziehen macht und er dabei in seine Rolle reinschlüpft, lache ich mich nach wie vor kaputt. Wir haben auch nach 30 Jahren miteinander sehr viel Spaß! Im Inneren sind wir immer noch die kleinen Jungs von früher, die große Freude daran haben, Mist zu bauen, Witze zu machen und Streiche zu spielen. Diese kindliche Art ist uns erhalten geblieben und scheint auch dem Publikum sehr zu gefallen.

Und was macht Ihr Beruf für Sie aus?

Ich habe in meinem Leben ganz großes Glück gehabt! Ich habe das Glück gehabt, mit meinen Talenten meinen Lebensunterhalt sehr gut bestreiten zu können und zugleich relativ viel Freizeit zu haben. Auf Letzteres habe ich immer besonders viel Wert gelegt. Deshalb habe ich auch ganz bewusst auf den großen Ruhm verzichtet. Als wir mit „Knebels Affentheater“ um die Jahrtausendwende herum sehr erfolgreich waren, meldeten sich viele Fernsehsender, die ein eigenes Format mit mir machen wollten. Das habe ich aber abgelehnt. Mir sind andere Sachen in meinem Leben so wichtig, dass ich sie für den Ruhm nicht einschränken oder aufgeben wollte. Ich lege Wert auf soziale Kontakte, Sport, Musik und Literatur, aber natürlich wollte ich auch das Aufwachsen meiner kleinen Kinder miterleben. Daher haben wir unsere Tour-Aktivitäten hauptsächlich auf NRW beschränkt und vom Fernsehen habe ich mich bis auf die „Mitternachtsspitzen“ verabschiedet.
Mir war es also immer wichtig, meine Karriere selbst zu steuern und mich nicht völlig in die Hände eines Managements zu begeben. Auch in den Boulevardzeitschriften konnte man noch nie etwas über mich lesen, mein Privatleben behalte ich für mich.

Welche beruflichen Pläne haben Sie für die Zukunft?

Im Sommer 2015 hatten wir sechs oder sieben Auftritte mit einem Musikprogramm. Das wollten wir schon immer mal machen und es ist super angekommen. Dieses Projekt wollen wir 2017 mit einer etwas ausgedehnteren Tournee weiter angehen. Außerdem spielen wir bis Frühjahr 2017 noch das aktuelle Programm „Männer ohne Nerven“ und seit diesem März läuft dann ja noch mein Soloprogramm „Im Liegen geht’s“.

Und zum Schluss: Was steckt von Ihnen selbst in der Figur Herbert Knebel?



Auf jeden Fall die Art zu sprechen, daran erkennen mich immer mehr Menschen. Außerdem bin ich – zu meinem eigenen Leidwesen – ungeduldig. Bei Herbert Knebel birgt die Ungeduld ein Witzpotential, mir hingegen erschwert sie den Alltag. Auch die Affinität zum Fußball und zur Musik teile ich mit Knebel, wobei ihm die Musikleidenschaft von mir ja quasi aufgezwungen wurde, weil ich gerne Musik in die Auftritte einbringen wollte. Wie anfangs erwähnt, sind einige meiner Kindheitserinnerungen auf Knebel übertragen worden. Ansonsten gibt es aber keine Überschneidungen – zum Glück.

Weitere Informationen unter www.herbertknebelsaffentheater.de